Issue 01: Community & Network

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Interview

Berlin

Surfing The FLINTA*net – In Conversation With Elsa Breyer

Issue 01: Community & Network

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Von der Stan-Kultur bis ins Spanien der 1980er Jahre ist Elisa Breyer ein komplettes Know-it-all. Die in Berlin geborene und lebende Künstlerin greift Feminismus und Politik durch die Linse der Popkultur auf und reflektiert den Spätkapitalismus in ihren glänzend-poppigen, hyperrealistischen Gemälden. Verspielt, neugierig und dabei radikal klug, verarbeitet Breyer die Welt um sich herum und pickt für uns die Highlights heraus, die wir dann in ihren Arbeiten wahrnehmen können. Wir werden ununterbrochen mit „Content“ bombardiert, glorifizierten Sitcom-Figuren, Influencer*innen, sexy Objekten, die wir gefälligst konsumieren sollen, und deprimierenden Nachrichten, die unsere ohnehin schon anstrengende Online-Präsenz abrunden. Gegen all das konstante Grundrauschen hindurch sprach Breyer mit mir über YouTube-Essays, obsessive Leidenschaft, Community und die lähmende Mangelmentalität, die uns kollektiv im Schwitzkasten hält.

Mia Butter: Als Warm-up: Welche Wörter beschreiben deine Praxis oder gehören dazu?

Elisa Breyer: Also, auf meiner Website kann man Tags sehen (wie z.B. „popculturereference‟, „still life‟ oder „blingbling‟). Ja, das fand ich geil. Ein Wort, das wirklich krass ist, ist Sinnlichkeit und natürlich Girlhood.

MB: Hell yeah. Hat sich das irgendwie verändert? Weil ich das Gefühl habe, dass dein Stil sich im letzten Jahr viel entwickelt hat.

EB:  Ja, voll. Also, in der Malerei war es mir am Anfang wichtig, dass ich die Technik beherrsche. Da war es mir sehr wichtig, dass es extrem sinnlich ist. Jetzt ist es aber so, dass es sich wieder verändert hat, dass ich merke, mir ist der Inhalt teilweise noch wichtiger geworden.

Also zum Beispiel habe ich früher so viel Stillleben gemalt. Und ich liebe sie! Die sind übelst schön, es macht voll Bock, sie zu malen. Aber irgendwie fördert mich das intellektuell nicht genug heraus. Es ist Wohnkunst. Ich will jetzt überhaupt nicht abfällig sein, aber es ist einfach so. Ich glaube, das hat sich sehr verändert, dass ich mich irgendwann in eine Ecke manövriert hatte, mit scharfen Kanten und Hohlkehler-Hintergrund, so diese Art und Weise, wie ich gemalt habe. Ich dachte: „Fuck, es gibt Dinge, die ich gerne malen würde, aber ich kann die nicht in meinem Style malen.“ Das ist das Gefängnis. Ich muss aufbrechen, damit ich wieder flexibler in den Motiven bin. Und jetzt habe ich angefangen, viel mehr mit Unschärfe zu arbeiten, damit ich wieder die Möglichkeit habe, Hintergrund einzubauen. Oder auch mal Sachen einzubringen, die mehr eine Geschichte im Bild aufbauen.

MB: Ist dir das selber aufgefallen oder hat dir das jemand gesagt? Weil es oft alleine schwer zu realisieren ist und dann noch umzusetzen.

EB: Nein, es ist mir schon selber aufgefallen, aber ich glaube, ich hatte vor einem Jahr eine krasse Mal-Krise, wo ich mir dachte, es gibt viele Dinge, die ich gerne malen würde, aber ich weiß nicht, wie. Es ging mir so einen Monat lang, und dann dachte ich mir, okay, ich muss mich wieder frei lassen. Ich habe dann viele andere Malereien angeguckt und dachte, vielleicht muss ich wieder experimentieren.

MB: Das ist so wichtig. Ganz früh in der Karriere kann man sich auch sehr an einem Stil oder einem Thema festhalten, weil man sich so sehr damit identifiziert und denkt: „Okay, das ist jetzt mein Ding‟, aber man ist noch jung und hat viel Zeit. Du wirst dich eh entwickeln, wieso nicht jetzt?

EB: Ja, ich sehe das als Risiko, weil ich schon relativ früh kommerziell erfolgreich war. Ich habe mir schon überlegt, was das heißen könnte, wenn ich meinen Stil jetzt verändere. Nobody will buy it, oder die Leute mögen es nicht mehr und sagen, „Ich fand deine alten Sachen viel besser‟. Aber ich will mich auch nicht langweilen und vielleicht sollte es auch kein Maßstab sein, ob es verkaufbar ist.

MB:  Ich finde, das sieht man auch an den Arbeiten, wenn jemand keine Lust hat auf das, was sie kreieren, oder?

EB: Ich gehe zu manchen Ausstellungen und, I don't judge, weil ich's voll verstehe, aber manchmal bin ich so, ah, ja, okay, it's just for the money. It's a sellout.

MB: Bei deiner Show „waiting for connection…‟ bei Galerie Gegen & Lücke habe ich die Arbeiten kurz vor der Eröffnung gesehen und dachte: „Damn, das ist ganz anders.“ Die Farben sind richtig gut, weicher, verschwommener, aber auch realistischer. Ich habe direkt eine Entwicklung gespürt, die mir richtig gefallen hat. Ich wollte auf jeden Fall mit dir über diese Ausstellung sprechen, und über den Titel „waiting for connection…‟

Und die Arbeiten; ich würde sie als ,Snapshot-artig‘ beschreiben, und ich frage mich, wieso du diese digitalen Bilder in Ölmalereien umwandelst. Wieso ist es dir wichtig, ein Foto in Handarbeit umzusetzen?

EB: Was ja vor allem bei dieser Camera-Roll-Referenz mit dabei ist, ist dieses Heranzoomen und wieder wegzoomen. Man untersucht das Bild mit einem Zoom. Für mich ist es voll interessant, zum Beispiel bei „waiting for connection…‟ war es jetzt auch das erste Mal, wo ich Sachen gemischt habe. Also so popkulturelle Referenzen mit Bildern aus meinem eigenen Archiv. Für mich ist es interessant, die gegenüberzustellen, weil beides sehr privat ist. Aber wenn die zusammenkommen, dann erzählt sich dadurch eine Geschichte, es gibt ein Narrativ von Sehnsucht und Realität. Die Bilder verschwinden alle irgendwann, und ich finde es voll cool, die zu benutzen.

MB:  Ja, aber dein Timing ist auch perfekt. Ich meine, ich habe immer das Gefühl, dass du extrem zeitgenössische Themen darstellst, direkt in dem Moment, wo es im Trend ist oder thematisiert wird. Zum Beispiel, Sex in the City ist eine 30 Jahre alte Serie, aber durch die  “And Just Like That” Spin-Off, kehrt es zurück in den Diskurs. Alle wollen wie Carrie aussehen, und so weiter und so fort. Du verstehst das auch im Moment, dass es einen Wert besitzt.

EB: Ja, ja, genau. Das ist ja schon ein bisschen das, worüber ich gerade häufig nachdenke, dass der Postfeminismus zurück ist. Was auch voll recession-coded ist.

MB: Agreed, das sag ich doch die ganze Zeit!

EB: Ja, und das ist, was mich so interessiert, diese ganzen popkulturellen Elemente, aber das sind auch ästhetische Elemente, die zu politischen und sozio-kulturellen Strukturen beitragen. Das finde ich voll spannend. Und es ist jetzt nicht so bei ,Auf 3 Promille über Kapitalismus lästern‘ (in der Ausstellung „waiting for connection…‟ erschienen), dass es mir darum geht zu sagen, „oh mein Gott, die sind so amazing.‟ Es ist nicht unkritisch, sondern ich bin so... Das sind unsere Heldinnen? Really?

MB: Aber deine Titel sind einfach so gut, „Mit drei Promille über Kapitalismus Lästern‟? Ich fand das so gut, weil es genau darum geht. Also nicht nur ums Betrachten und Weiterlaufen, sondern auch diese sozio-kulturellen Themen im Titel erkennen, sich selbst irgendwo im Bild wiederfinden.

EB: Ich glaube, das ist vielleicht auch noch so ein Wort für den Anfang: Identifikationsfläche. Mir ist wichtig, dass ich mit den Bildern eine Identifikationsfläche schaffe. Egal, ob es lustig ist und man sich über sich selbst lustig macht oder ob man sich in dem Schmerz wiedererkennen kann oder die Banalität. 

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